Die Geschichte von Destiny

Aus ihrer Sichtweise erzählt sie von ihrem Leben als Futtertier in einem Berliner Zooladen. Mitreißend, aber auch schonungslos, schildert sie ihr bisheriges Leben. So könnte es gewesen sein. Eine Kurzgeschichte für Rattenfreunde von Susanne Mudra Geboren wurde ich in der Dunkelheit. Wie alle Rattenbabys war ich blind, taub und nackt. Dennoch erinnere ich mich dunkel an zwei Dinge: das eine waren die kurzen Momente mit meiner Mutter. Ihr weiches Fell, an das ich mich kuschelte und ihre warme Milch, die ich trank. Leider waren diese Momente sehr kurz und wurden meist von der zweiten Erinnerung unterbrochen: das ständige Trampeln vieler Füße anderer Ratten, die über mich hinwegrannten. Ihre Krallen bohrten sich wie kleine, spitze Nadeln in meine Haut. Noch bevor ich die Augen öffnete begann ich auf meinen kleinen Beinen durch den Käfig zu robben. Oft piepte ich dabei verzweifelt nach meiner Mutter, weil ich sie suchte, oder weil ich Hunger hatte und ihre warme Milch trinken wollte, aber sie kam nicht. Schon wenige Tage später öffnete ich zum ersten mal meine Augen. Erst blinzelte ich nur, und ein paar Stunden später konnte ich sie ganz aufmachen. Obwohl ich das tat, sah ich doch kaum etwas. Wo ich mich befand war es dunkel. Schemenhaft erkannte ich viele andere Ratten. Sie lagen alle dichtgedrängt unter einer Raufe. Neben mir sah ich meine Geschwister. Ich drängte mich zwischen sie und schloss meine Augen wieder und wartete auf meine Mutter. Irgendwann kam sie, und ließ uns noch einmal kurz säugen. Meine Mutter - ich glaube ihre Farbe war schwarz/weiß- war kaum größer als ich selbst, nun, so empfand ich es zumindest. Ihre ruhige Art uns trinken zu lassen, ließ uns einen Augenblick alles vergessen. Ich erinnere mich, als wäre es gestern gewesen, wie sie mir zuflüsterte: " Ihr müsst bald ohne mich auskommen und feste Nahrung fressen, ich spüre schon, wie sich die nächsten Babys in meinem Bauch bewegen." Sie klang so unheimlich müde und erschöpft. Ich werde sie nie vergessen. Ich konnte ja nicht ahnen, dass ich selber in fünf Wochen bereits Mutter sein würde. Da meine Mutter zwei Tage später wirklich warf, war ich von nun an auf mich allein gestellt. Weil die trockenen Pellets, die in der Raufe lagen, für mich schwer zu erreichen waren, fraß ich das vom Urin getränkte Stroh, auf dem wir saßen. Es gab für mich nur ein Ziel: Überleben. Zwei Tage später begann ich mein "Zuhause" zu erkunden. Erkunden ist falsch gesagt. In dem kleinen, viereckigen Kasten gab es nichts. Es war nur warm, stickig und dunkel. Der beißende Uriengeruch, der aus dem Boden stieg, hatte bereits meine Lunge angegriffen und lies mich ständig niesen. Das jedoch störte mich nicht mehr, schließlich war ich es nicht anders gewohnt. Alle Ratten in unserem Käfig niesten ständig. Und auch in den Käfigen, die neben unserm standen, war es nicht anders. Meist lagen wir alle dichtgedrängt unter der Futterraufe. Wer in diesem Haufen den besten Platz erhaschte, lag ganz vorne an einer verdreckten Plastikwand. Durch sie fiel etwas Licht. Da es aber in meinen Augen blendete, blieb ich lieber inmitten des Fellhaufens liegen, wo es zwar sehr eng, aber dunkel war. Glücklich war ich, wenn ich einen Platz an "Mamas" Fell ergatterte. "Mama" nannten wir sie alle, denn sie war die Größte von uns. Sie sagte oft, dass wir alle bloß warten würden. "Worauf?" fragten wir dann. "Auf das große, glückliche Ende", sagte sie. Sie sagte, dass wir alle irgendwann aus diesem Kasten kommen würden. Dorthin, wo es Bäume gibt, keine Gitter und vielleicht sogar frisches Futter und Wasser. Wo man solange rennen kann wie man will und seine Babys in Ruhe aufziehen kann. Wir fragten "Mama", was ein Baum ist und ob es nicht gefährlich ist, dort zu leben, wo kein Käfig ist. "Mama" sagte dann mit verträumter Stimme:" Ich habe das Paradies bereits einmal erlebt. Ich bin mit meinen Geschwistern zwar auch in einem Käfig geboren, aber der war ganz anders als dieser. Man konnte dort klettern und sich verstecken. Wir haben dort Gurke, Nudeln, Quark und Fleisch gefressen." Wir konnten uns nicht vorstellen, dass es noch etwas anderes geben würde außer den Pellets, die in der Raufe lagen. Einige von uns meinten verächtlich, dass "Mama" Lügen würde. Ich glaubte ihr. Vielleicht gab es dort draußen wirklich noch etwas anderes, wer weiß? " Mama" erzählte weiter: "Wir haben in der Sonne unser Fell geputzt und hatten noch nicht einmal Angst vor den Zweibeinern. Sie nahmen uns oft auf die Hand und ließen uns auf ihnen herumkrabbeln. Doch dann kamen andere Zweibeiner und rissen uns Geschwister auseinander. Mich nahm ein ganz kleiner Zweibeiner mit, ich glaube, sie nennen es Kind. Es war sehr lieb zu mir, streichelte mich und gab mir sogar einen Namen..." An dieser Stelle fragten einige von uns:" Was ist ein Name?" "Das ist ein Wort, auf das man hören soll. Wann immer man es hört und zu seinem Zweibeiner rennt, freuen sie sich, und es gibt etwas Leckeres zu fressen." Einige von uns fanden das einfach albern und waren froh, dass sie keinen Namen hatten. Dann erzählte "Mama" weiter: "Bei diesem Kind kam ich in einen anderen Käfig. Er war nicht so groß wie der , in dem ich aufgewachsen bin, man konnte darin auch nicht so schön klettern und mir fehlten andere Ratten. Aber das Kind nahm mich tagsüber oft aus dem Käfig und ließ mich auf seiner Schulter sitzen oder es redete einfach nur mit mir. Manchmal nahm es mich auch mit auf die Straße mit und daher weiß ich, wie die Freiheit ist. Aber eines Tages hatte das Kind andere Zweibeiner zu Besuch. Es war sehr laut in dem Zimmer und ich war nervös von dem vielen Lärm. Dann wurde mein Käfig geöffnet und viele, viele Hände griffen gleichzeitig nach mir. Sie hoben mich heraus und in meiner Angst versuchte ich zu entkommen. Ich hätte es auch fast geschafft, als mich plötzlich etwas am Schwanz packte. Genauer gesagt am Schwanzende. Einen furchtbaren Augenblick lang hing ich kopfüber in der Luft. Ein schrecklicher Schmerz schoß durch meine Wirbelsäule. Glaubt mir, es war nicht böse gemeint, aber ich drehte mich ruckartig um, und biss in das, was mich festhielt. Sofort wurde ich losgelassen und fiel auf den Boden, wo ich mich unter einem Schrank in Sicherheit brachte. Das Geschrei im Zimmer wurde plötzlich noch lauter, als es bereits gewesen war. Dann ging alles sehr schnell. Türen wurden aufgerissen, ich wurde unter dem Schrank hervorgejagt und in einen dunklen Karton gestopft. Dann wurde ich hierher gebracht...." Ich hörte "Mama" gerne zu. Auch wenn sie immer wieder dieselbe Geschichte erzählte, ich hätte sie mir noch hundertmal angehört. Aber dazu sollte es nicht mehr kommen. Wir hatten alle mitbekommen, dass unsere Käfige manchmal geöffnet wurden. Auch wenn wir nicht genau wussten, wie viele Artgenossen in wie vielen Käfigen neben uns standen, so schätzen wir es doch auf etwa hundertfünfzig Tiere. Was wir nicht wussten war, dass es in unseren Käfigen deshalb so dunkel war, weil wir unter Regalen standen, auf denen dann wiederum andere Käfige mit Meerschweinchen, Vögeln, Hamstern, Schlangen und Reptilien standen. Wenn also ein Käfig unter den Regalen hervorgezogen wurde, hörten wir ihn über den Steinfußboden schleifen. Er wurde geöffnet und ein oder zwei Ratten herausgenommen. Das hörten wir immer ganz genau, denn wir Ratten können Ultraschnall-Schreie ausenden, die für Zweibeiner nicht hörbar sind. Wir konnten die Angst dieser armen Tiere förmlich riechen. Ihre Angst, ihre Schreie; all das steigerte sich so ins Unermessliche, dass wir immer in Panik durch den Käfig rannten, ohne auf Babys oder kranke Tiere Rücksicht zu nehmen. Manchmal verstummten die Schreie nach wenigen Sekunden, ich habe aber auch schon Tiere die halbe Nacht lang schreien hören. Wieder einmal war es "Mama", die uns zu beruhigen versuchte. Sie sagte uns, dass der Eingang zum "großen, glücklichen Ende" manchmal mit Schmerz oder Angst verbunden sei. "Denkt an das, was danach kommt", sagte sie immer. Eines Tages wurde unser Käfig hervorgezogen. Ich hatte gerade einen Platz an "Mamas" Seite ergattert und döste vor mich hin. Der Ruck, als der Käfig hervorgezogen wurde, ließ mich zusammenfahren. Das Licht flutete in den Käfig und ich kniff die Augen zusammen. Als er geöffnet wurde, war mein erster Gedanke: "Renne weg, renne weg!" Aber die Angst ließ mich erstarren und so blieb mir nichts anderes übrig, als mich in "Mamas" Fell zu pressen. Dann hörte ich das erste mal einen Zweibeiner sprechen:" Nimm die braune, die ist schön groß!" Eine riesige Hand griff in den Käfig. Jetzt rannten wir doch. Es war das erste Mal, das ich echte Panik in "Mamas" wunderschönen braunen Augen sah. Die riesige Hand schaffte es, sie zu greifen und hob sie aus dem Käfig. "Wehre dich", dachte ich, "beiss doch zu. Es lässt dich los und du kannst hier bleiben." Sie biß nicht zu. Sie hatte sich geschworen, nie wieder jemanden zu beißen. Ich blickte ihr solange hinterher, bis der Käfig wieder unter die Regale zurückgeschoben wurde. Dann hörte ich sie nur noch. "Mama" war eine von denen, die Pech hatten. Ich hörte sie mehre Stunden lang schreien. Als es ruhig wurde, wusste ich, dass sie den Eingang zum "großen, glücklichen Ende" gefunden hatte. Ohne "Mama" wurde es noch trostloser in diesem Käfig, als es bereits gewesen war. Es gab nun niemanden mehr, der uns etwas erzählte. Wir waren alle in diesem Käfig geboren und es gab nichts, was unser Leben bereichert hätte. Tagsüber lagen wir alle dichtgedrängt unter der Raufe und schliefen. Das Geschrei der Vögel und das Zischen der Schlangen, die über unserem Käfig standen, hätten uns sonst nervös gemacht. Wenn es im Laden ruhig wurde, nagten ein paar von uns an den harten Pellets oder wir bissen stundenlang in das Käfiggitter. Natürlich bekamen wir es doch nie kaputt. Manchmal sahen wir auch den jungen Rattenmüttern zu, die in der hintersten Ecke des Käfigs ihre Jungen zur Welt brachten. Meistens fraßen sie die Jungen sofort auf. Das beruhte auf dem letzten bisschen Instinkt, welchen wir uns bewahrt hatten: es war schon eng genug für uns hier drinnen. Die Weibchen, die bereits zum zweiten oder dritten mal warfen, ließen ihre Jungen meist einfach dort liegen, wo sie sie geboren hatten. Diese erfroren dann jämmerlich innerhalb weniger Stunden oder wurden von anderen Ratten aufgefressen. Über dieses Geschehen machte ich mir nie ernsthaft Gedanken. Ebenso wenig wie darüber, was für ein Glück ich und meine Brüder gehabt hatten. Für uns zählte nur, dass wir lebten. Ich war viereinhalb Wochen alt, als ich in einer Nacht gleich zwei schreckliche Erlebnisse hatte. Ich erwachte, weil ich schreckliche Schreie vernahm. Ich blinzelte und sah, dass bereits Bewegung in den Käfig gekommen war. So musste ich erst mal meine Nase aus dem Fellhaufen schieben, um besser sehen zu können. Ganz hinten im Käfig erkannte ich eine kleine weiße Ratte, die gerade mitten in der Geburt lag. Heftige Wehen erschütterten ihren kleinen Körper und ließen sie regelrecht vibrieren. Erst dann erkannte ich den Grund für ihre heftigen Schmerzen: aus ihrem Hinterteil hing ein halbgeborenes Junges. Man konnte die Beine und den Oberkörper bereits erkennen, aber der Kopf steckte noch fest. Die Arme presste und krümmte sich. Sie versuchte mit ihren Zähnen das Junge herauszuziehen, weil sie merkte, dass das nächste Junge schon weit vorne im Geburtskanal lag und ebenfalls herausdrängte. Sie schrie verzweifelt und auch in den anderen Käfigen wurden die Ratten bereits unruhig. Ich weiß nicht mehr genau wie lange sie sich quälte, bis ihre Bewegungen endlich schwächer wurden und sie schließlich ganz aufgab. Ihre Beine zuckten unkontrolliert und sie atmete nur noch flach. Ich fragte mich plötzlich, ob der Eingang zum "großen, glücklichen Ende" immer so schwer zu erreichen war. Durch "Mama" hatte ich nie Angst davor gehabt, jetzt wurde mir plötzlich bewusst, das es nicht immer leicht war, erstenmal dorthin zu gelangen. Was ich dann tat, würde ich noch heute als den unglücklichsten Moment in meinem Leben bezeichnen. Obwohl es unausweichlich war, was passierte, so hätte es wenigsten in einer anderen Situation passieren sollen. Als die kleine Weiße so ruhig und still dalag wollte ich sie einmal näher ansehen. Vielleicht wollte ich sehen ob man das "große , glückliche Ende" fühlen könnte, oder es war nur Neugier. Ich weiß es nicht mehr. Auf jeden Fall wühlte ich mich aus dem Haufen der anderen heraus, die sich mittlerweile wieder beruhigt hatten und ging zu der Weißen hin. Als ich sie erreicht hatte, waren meine ersten Gedanken." Mein Gott, sie ist noch so winzig." Tatsächlich war das Weibchen sehr klein. Das halbe Junge ragte immer noch aus ihrem Hinterteil. Vorsichtig schnupperte ich daran und schreckte unwillkürlich zusammen- es war eiskalt. Nie hätte ich geglaubt, dass man kalt werden würde im "großen, glücklichen Ende". Ich dachte immer, es sei dort angenehm warm. Diese Kleine hier musste doch frieren. Sie war so kalt. Hatte "Mama" gelogen? Eine tiefe Angst überkam mich. Warum hatte sie das getan? Warum hatte sie nie die Wahrheit gesagt? Womöglich gab es gar kein "großes, glückliches Ende"? Ich wollte mich abwenden und nicht mehr darüber nachdenken. Mich einfach wieder in den Haufen der anderen Ratten legen und wie sie schlafen. Als ich mich umdrehte standen sie hinter mir. Drei Ratten. Männchen. In meinem Schreck rannte ich bis an das Käfiggitter und presste mich an die Wand. Mein Blick fiel auf die kleine Weiße und ich dachte "Nein, ich will keine Babys haben, ich nicht!" Es war zu spät, ich hatte das Alter erreicht, in dem man gedeckt werden kann. In diesem Käfig konnte man es den Männchen wohl kaum verdenken, dass sie zu dritt kamen. Es war schrecklich, und ich möchte nicht einmal darüber reden. Am nächsten Tag spürte ich, dass ich gedeckt worden war. Wir Ratten merken das sofort. In drei Wochen würde es soweit sein. Instinktiv würde ich meine Jungen auffressen, wie die anderen. Obwohl mir dieser Instinkt sagte, dass es das einzig Richtige war, versetzte es mir doch einen Schnitt ins Herz. Für eine Ratte mag dies ungewöhnlich klingen, aber auch wir lieben unsere Kinder wie alle anderen Tierarten und Zweibeiner. Das erste mal machte ich mir auch Gedanken, dass dieser Käfig vielleicht nicht gut genug für sie wäre. Dabei dachte ich an "Mama´s" Paradies, wo sie mit ihren Geschwistern aufgewachsen war. Ich dachte nicht, dass das Schicksal daran etwas ändern könnte, dass meine Jungen hier im Käfig auf die Welt kamen. Das war für mich der Lauf der Dinge. Die nächsten vier Tage verbrachte ich damit, über diese und andere Dinge nachzudenken. Am vierten Tag dachte ich, mein Leben wäre beendet. Wir hörten, wie wieder einmal Käfige unter den Regalen hervorgezogen wurden. Nacheinander Käfig für Käfig. Diesmal schienen sie aber nicht die dickste Ratte zu suchen. Wollten sie uns einfach so quälen? Auch unser Käfig wurde herausgezogen. Ich erkannte zwei Zweibeiner. Wie immer blendete mich das Licht, so war ich froh, als wir wieder zurückgeschoben wurden. Alles dauerte so viel länger als sonst. Käfige raus, Käfige rein. Dann war es wieder unser Käfig, der an die Reihe kam. "Diese kleine Beigefarbene gefällt mir." Ich hörte es und glaubte es doch nicht. Ich war grau-beige. "Nein"- schoss es durch meinen Kopf. "Bitte nicht mich, ich bin doch schwanger." Da wurde der Käfig auch schon geöffnet. Ich rannte um mein Leben und das meiner ungeborenen Babys. Es gab kein entkommen. Keine Fluchtmöglichkeit. Ich spürte, wie die Hand mich griff und dachte: "Jetzt ist es vorbei". Ich sah von oben ein letztes Mal meine Geschwister, meine Mutter (sie war bereits das dritte Mal belegt), und ich sah im Geist "Mama". Ich sah die kleine Weiße, die immer noch im Käfig lag. Dann wurde der Käfig zurückgeschoben und sie alle verschwanden aus meinem Blickfeld. Ich hoffte, dass es schnell gehen würde. Dass mir der Eintritt zum "großen, glücklichen Ende" nicht so schwer fallen würde wie "Mama" oder der kleinen Weißen. Ich werde diese lähmende Angst in mir nie vergessen. Was würde nun wirklich geschehen mit mir? Vor meinen Augen tat sich ein tiefer Schlund auf. Es war dunkel. Sah so das Ende aus? Nein, ich wollte doch kämpfen! Auch für meine ungeborenen Babys. Oder war es vielleicht wirklich besser, sie würden diese schreckliche Welt nie zu Gesicht bekommen? Diese Welt, in der ich leben musste. Ich war mir sicher, dass es kein Paradies gab. Ich war mir sicher, dass "Mama" gelogen hatte. Ich hatte keine Kraft zum Kämpfen. Bevor ich wegrennen konnte war ich schon wieder gefangen. In der nächsten Plastikbox. Wie lange hatte ich noch zu leben? Ich kauerte mich zusammen und versuchte die Augen zu schließen. Ich konnte diese Welt nicht mehr ertragen. Warum wurde mir das angetan? Ich hatte nie jemanden gebissen. Ich hatte noch nie etwas böses getan. Schlafen, mehr wollte ich nicht mehr.... Als ich meine Augen öffnete glaubte ich, im "großen, glücklichen Ende" zu sein. Dort war das Paradies. Dieses Paradies, von dem "Mama" gesprochen hatte. Meine ganze Angst fiel von mir ab. Ja, hier sollten meine Babys auf die Welt kommen. Hier sollten sie aufwachsen. Alles erschien mir so unwirklich- bis ich merkte, dass alles Wirklichkeit war. Hier war auch mein neues Zuhause. Es ist zwar auch ein Käfig, aber es gibt hier noch andere Ratten und viel gutes Futter. Wir können klettern und die Sonne sehen. Ich habe bereits so viel Neues gesehen und lerne immer noch dazu. Meine beiden Rattenfreundinnen erzählen mir von ihrer Kindheit. Dabei erscheint es mir fast unglaublich, was sie alles berichten können. Soviel Glück, soviel Freude- von einer solchen Kindheit können alle bei uns in den Käfigen nicht einmal träumen. Wenn ich dann an meine Mutter, meine Geschwister und all die anderen Ratten im Laden denke, werde ich sehr traurig. Ich würde alles dafür geben, wenn ich Ihnen nur ein kleines Stück von meinem neu gewonnen Glück abgeben könnte. Ich weiß, dass sie die Hoffnung nie aufgeben werden. Und vielleicht werden sie ja eines Tages befreit.... Den Zweibeinern werde ich nie ganz vertrauen können, denn ich weiß, dass mein Glück an seine Grenzen stoßen kann. Wir können uns nicht wehren, wenn es eines Tages heißt, wieder in den anderen Käfig zurückzukehren. Für mich zählt nur der Tag, wo ich lebe, wo ich hier bin, wo es mir gut geht. Wir Ratten gehören zu den anpassungsfähigsten Tieren, ein Umstand, der es den Menschen immer wieder ermöglicht, uns unter den widrigsten Bedingungen zu halten. Doch dabei sollten sie nie vergessen, dass wir auch Lebewesen sind. Am 24.04.99 brachte ich sieben gesunde Jungen zur Welt. Ich hoffe für sie, dass ihnen das erspart bleiben kann, was mir in den ersten Lebenswochen wiederfahren ist. Ihr ganzes Leben lang. Zu guter Letzt will ich noch sagen, dass ich auch einen Namen bekommen habe: "Destiny". Und ich glaube, das heißt "Schicksal": Destiny gibt es wirklich. Ihre Geschichte ist frei erfunden. Die Schilderungen über ihre Haltung sind wahr. In einem Berliner Zooladen werden etwa zweihundert Ratten als Futtertiere auf engstem Raum gehalten. Auf der Fläche von ca. 1 DIN A4 Seite werden bis zu 20 Tiere zusammengepfercht in einem Käfig gehalten, der eine Höhe von ca. 15 cm hat. Das Leid dieser Tiere ist unbeschreiblich. Normale Verhaltensweisen können nicht ausgelebt werden und verkümmern auf ein Minimum oder ganz. Da sie auf dem Boden stehen müssen, unter Regalen, entsteht in den Käfigen zuviel Wärme, durch die Wiederum der Urin der Tiere aufsteigt und von ihnen eingeatmet wird. Destiny hatte bereits mit fünf Wochen eine irreparable, chronische Lungenschädigung. Außerdem haben alle Tiere Haarlinge, was zu einem ständigen Juckreiz führt. Auch die Futtertierhaltung darf nicht in Tierquälerei ausarten. Schon kleine Eingriffe können das Leben dieser Ratten verbessern: - kein ständiges Decken (Trennung von Männchen und Weibchen) - nur so viele "Futtertiere" halten, wie auch in einem kleinen Zeitraum verfüttert werden können - bessere Käfige (artgerecht eingerichtet, bessere Standorte) - besseres Futter Die Bitten einer Ratte Lieber Mensch, bitte sieh mich als Tier an, als Lebewesen, nicht als Verschönerung Deines Wohnraumes, denn auch wenn ich in einem Käfig lebe, bin ich kein Ausstellungsstück. Bitte achte darauf, mein Heim sauber zu halten und gib mir täglich Futter und Wasser, denn Du hast mich gewollt und damit die Verantwortung für mein Leben übernommen. Lieber Mensch, bitte gib mir auch Artgenossen, denn auch Du unterhältst Dich am liebsten mit Deinesgleichen, und wenn wir uns auch sehr nahe sind, so werde ich Deine Sprache doch nie ganz verstehen können. Bitte erhebe nie Deine Hand gegen mich, Du bist so viel stärker als ich, kannst mich so leicht verletzen und grausame Spiele mit mir treiben. Bitte akzeptiere mich auch noch, wenn ich älter werde, nicht mehr so flink bin und vielleicht auch manchmal mürrisch, bedenke, auch Du wirst eines Tages älter. Bitte sieh ein, wenn meine Zeit gekommen ist, setze mich nicht unnötigen Qualen aus, sei bei mir in meiner schwersten Stunde und vergiss mich nie, denn ich habe dich ein kurzes Stück Deines Lebens begleitet- als Freund

 
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