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Die
Geschichte von Destiny
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Aus ihrer Sichtweise erzählt sie von ihrem Leben als Futtertier
in einem Berliner Zooladen. Mitreißend, aber auch schonungslos,
schildert sie ihr bisheriges Leben. So könnte es gewesen sein.
Eine Kurzgeschichte für Rattenfreunde von Susanne Mudra Geboren
wurde ich in der Dunkelheit. Wie alle Rattenbabys war ich blind, taub
und nackt. Dennoch erinnere ich mich dunkel an zwei Dinge: das eine
waren die kurzen Momente mit meiner Mutter. Ihr weiches Fell, an das
ich mich kuschelte und ihre warme Milch, die ich trank. Leider waren
diese Momente sehr kurz und wurden meist von der zweiten Erinnerung
unterbrochen: das ständige Trampeln vieler Füße anderer
Ratten, die über mich hinwegrannten. Ihre Krallen bohrten sich
wie kleine, spitze Nadeln in meine Haut. Noch bevor ich die Augen öffnete
begann ich auf meinen kleinen Beinen durch den Käfig zu robben.
Oft piepte ich dabei verzweifelt nach meiner Mutter, weil ich sie suchte,
oder weil ich Hunger hatte und ihre warme Milch trinken wollte, aber
sie kam nicht. Schon wenige Tage später öffnete ich zum ersten
mal meine Augen. Erst blinzelte ich nur, und ein paar Stunden später
konnte ich sie ganz aufmachen. Obwohl ich das tat, sah ich doch kaum
etwas. Wo ich mich befand war es dunkel. Schemenhaft erkannte ich viele
andere Ratten. Sie lagen alle dichtgedrängt unter einer Raufe.
Neben mir sah ich meine Geschwister. Ich drängte mich zwischen
sie und schloss meine Augen wieder und wartete auf meine Mutter. Irgendwann
kam sie, und ließ uns noch einmal kurz säugen. Meine Mutter
- ich glaube ihre Farbe war schwarz/weiß- war kaum größer
als ich selbst, nun, so empfand ich es zumindest. Ihre ruhige Art uns
trinken zu lassen, ließ uns einen Augenblick alles vergessen.
Ich erinnere mich, als wäre es gestern gewesen, wie sie mir zuflüsterte:
" Ihr müsst bald ohne mich auskommen und feste Nahrung fressen,
ich spüre schon, wie sich die nächsten Babys in meinem Bauch
bewegen." Sie klang so unheimlich müde und erschöpft.
Ich werde sie nie vergessen. Ich konnte ja nicht ahnen, dass ich selber
in fünf Wochen bereits Mutter sein würde. Da meine Mutter
zwei Tage später wirklich warf, war ich von nun an auf mich allein
gestellt. Weil die trockenen Pellets, die in der Raufe lagen, für
mich schwer zu erreichen waren, fraß ich das vom Urin getränkte
Stroh, auf dem wir saßen. Es gab für mich nur ein Ziel: Überleben.
Zwei Tage später begann ich mein "Zuhause" zu erkunden.
Erkunden ist falsch gesagt. In dem kleinen, viereckigen Kasten gab es
nichts. Es war nur warm, stickig und dunkel. Der beißende Uriengeruch,
der aus dem Boden stieg, hatte bereits meine Lunge angegriffen und lies
mich ständig niesen. Das jedoch störte mich nicht mehr, schließlich
war ich es nicht anders gewohnt. Alle Ratten in unserem Käfig niesten
ständig. Und auch in den Käfigen, die neben unserm standen,
war es nicht anders. Meist lagen wir alle dichtgedrängt unter der
Futterraufe. Wer in diesem Haufen den besten Platz erhaschte, lag ganz
vorne an einer verdreckten Plastikwand. Durch sie fiel etwas Licht.
Da es aber in meinen Augen blendete, blieb ich lieber inmitten des Fellhaufens
liegen, wo es zwar sehr eng, aber dunkel war. Glücklich war ich,
wenn ich einen Platz an "Mamas" Fell ergatterte. "Mama"
nannten wir sie alle, denn sie war die Größte von uns. Sie
sagte oft, dass wir alle bloß warten würden. "Worauf?"
fragten wir dann. "Auf das große, glückliche Ende",
sagte sie. Sie sagte, dass wir alle irgendwann aus diesem Kasten kommen
würden. Dorthin, wo es Bäume gibt, keine Gitter und vielleicht
sogar frisches Futter und Wasser. Wo man solange rennen kann wie man
will und seine Babys in Ruhe aufziehen kann. Wir fragten "Mama",
was ein Baum ist und ob es nicht gefährlich ist, dort zu leben,
wo kein Käfig ist. "Mama" sagte dann mit verträumter
Stimme:" Ich habe das Paradies bereits einmal erlebt. Ich bin mit
meinen Geschwistern zwar auch in einem Käfig geboren, aber der
war ganz anders als dieser. Man konnte dort klettern und sich verstecken.
Wir haben dort Gurke, Nudeln, Quark und Fleisch gefressen." Wir
konnten uns nicht vorstellen, dass es noch etwas anderes geben würde
außer den Pellets, die in der Raufe lagen. Einige von uns meinten
verächtlich, dass "Mama" Lügen würde. Ich glaubte
ihr. Vielleicht gab es dort draußen wirklich noch etwas anderes,
wer weiß? " Mama" erzählte weiter: "Wir haben
in der Sonne unser Fell geputzt und hatten noch nicht einmal Angst vor
den Zweibeinern. Sie nahmen uns oft auf die Hand und ließen uns
auf ihnen herumkrabbeln. Doch dann kamen andere Zweibeiner und rissen
uns Geschwister auseinander. Mich nahm ein ganz kleiner Zweibeiner mit,
ich glaube, sie nennen es Kind. Es war sehr lieb zu mir, streichelte
mich und gab mir sogar einen Namen..." An dieser Stelle fragten
einige von uns:" Was ist ein Name?" "Das ist ein Wort,
auf das man hören soll. Wann immer man es hört und zu seinem
Zweibeiner rennt, freuen sie sich, und es gibt etwas Leckeres zu fressen."
Einige von uns fanden das einfach albern und waren froh, dass sie keinen
Namen hatten. Dann erzählte "Mama" weiter: "Bei
diesem Kind kam ich in einen anderen Käfig. Er war nicht so groß
wie der , in dem ich aufgewachsen bin, man konnte darin auch nicht so
schön klettern und mir fehlten andere Ratten. Aber das Kind nahm
mich tagsüber oft aus dem Käfig und ließ mich auf seiner
Schulter sitzen oder es redete einfach nur mit mir. Manchmal nahm es
mich auch mit auf die Straße mit und daher weiß ich, wie
die Freiheit ist. Aber eines Tages hatte das Kind andere Zweibeiner
zu Besuch. Es war sehr laut in dem Zimmer und ich war nervös von
dem vielen Lärm. Dann wurde mein Käfig geöffnet und viele,
viele Hände griffen gleichzeitig nach mir. Sie hoben mich heraus
und in meiner Angst versuchte ich zu entkommen. Ich hätte es auch
fast geschafft, als mich plötzlich etwas am Schwanz packte. Genauer
gesagt am Schwanzende. Einen furchtbaren Augenblick lang hing ich kopfüber
in der Luft. Ein schrecklicher Schmerz schoß durch meine Wirbelsäule.
Glaubt mir, es war nicht böse gemeint, aber ich drehte mich ruckartig
um, und biss in das, was mich festhielt. Sofort wurde ich losgelassen
und fiel auf den Boden, wo ich mich unter einem Schrank in Sicherheit
brachte. Das Geschrei im Zimmer wurde plötzlich noch lauter, als
es bereits gewesen war. Dann ging alles sehr schnell. Türen wurden
aufgerissen, ich wurde unter dem Schrank hervorgejagt und in einen dunklen
Karton gestopft. Dann wurde ich hierher gebracht...." Ich hörte
"Mama" gerne zu. Auch wenn sie immer wieder dieselbe Geschichte
erzählte, ich hätte sie mir noch hundertmal angehört.
Aber dazu sollte es nicht mehr kommen. Wir hatten alle mitbekommen,
dass unsere Käfige manchmal geöffnet wurden. Auch wenn wir
nicht genau wussten, wie viele Artgenossen in wie vielen Käfigen
neben uns standen, so schätzen wir es doch auf etwa hundertfünfzig
Tiere. Was wir nicht wussten war, dass es in unseren Käfigen deshalb
so dunkel war, weil wir unter Regalen standen, auf denen dann wiederum
andere Käfige mit Meerschweinchen, Vögeln, Hamstern, Schlangen
und Reptilien standen. Wenn also ein Käfig unter den Regalen hervorgezogen
wurde, hörten wir ihn über den Steinfußboden schleifen.
Er wurde geöffnet und ein oder zwei Ratten herausgenommen. Das
hörten wir immer ganz genau, denn wir Ratten können Ultraschnall-Schreie
ausenden, die für Zweibeiner nicht hörbar sind. Wir konnten
die Angst dieser armen Tiere förmlich riechen. Ihre Angst, ihre
Schreie; all das steigerte sich so ins Unermessliche, dass wir immer
in Panik durch den Käfig rannten, ohne auf Babys oder kranke Tiere
Rücksicht zu nehmen. Manchmal verstummten die Schreie nach wenigen
Sekunden, ich habe aber auch schon Tiere die halbe Nacht lang schreien
hören. Wieder einmal war es "Mama", die uns zu beruhigen
versuchte. Sie sagte uns, dass der Eingang zum "großen, glücklichen
Ende" manchmal mit Schmerz oder Angst verbunden sei. "Denkt
an das, was danach kommt", sagte sie immer. Eines Tages wurde unser
Käfig hervorgezogen. Ich hatte gerade einen Platz an "Mamas"
Seite ergattert und döste vor mich hin. Der Ruck, als der Käfig
hervorgezogen wurde, ließ mich zusammenfahren. Das Licht flutete
in den Käfig und ich kniff die Augen zusammen. Als er geöffnet
wurde, war mein erster Gedanke: "Renne weg, renne weg!" Aber
die Angst ließ mich erstarren und so blieb mir nichts anderes
übrig, als mich in "Mamas" Fell zu pressen. Dann hörte
ich das erste mal einen Zweibeiner sprechen:" Nimm die braune,
die ist schön groß!" Eine riesige Hand griff in den
Käfig. Jetzt rannten wir doch. Es war das erste Mal, das ich echte
Panik in "Mamas" wunderschönen braunen Augen sah. Die
riesige Hand schaffte es, sie zu greifen und hob sie aus dem Käfig.
"Wehre dich", dachte ich, "beiss doch zu. Es lässt
dich los und du kannst hier bleiben." Sie biß nicht zu. Sie
hatte sich geschworen, nie wieder jemanden zu beißen. Ich blickte
ihr solange hinterher, bis der Käfig wieder unter die Regale zurückgeschoben
wurde. Dann hörte ich sie nur noch. "Mama" war eine von
denen, die Pech hatten. Ich hörte sie mehre Stunden lang schreien.
Als es ruhig wurde, wusste ich, dass sie den Eingang zum "großen,
glücklichen Ende" gefunden hatte. Ohne "Mama" wurde
es noch trostloser in diesem Käfig, als es bereits gewesen war.
Es gab nun niemanden mehr, der uns etwas erzählte. Wir waren alle
in diesem Käfig geboren und es gab nichts, was unser Leben bereichert
hätte. Tagsüber lagen wir alle dichtgedrängt unter der
Raufe und schliefen. Das Geschrei der Vögel und das Zischen der
Schlangen, die über unserem Käfig standen, hätten uns
sonst nervös gemacht. Wenn es im Laden ruhig wurde, nagten ein
paar von uns an den harten Pellets oder wir bissen stundenlang in das
Käfiggitter. Natürlich bekamen wir es doch nie kaputt. Manchmal
sahen wir auch den jungen Rattenmüttern zu, die in der hintersten
Ecke des Käfigs ihre Jungen zur Welt brachten. Meistens fraßen
sie die Jungen sofort auf. Das beruhte auf dem letzten bisschen Instinkt,
welchen wir uns bewahrt hatten: es war schon eng genug für uns
hier drinnen. Die Weibchen, die bereits zum zweiten oder dritten mal
warfen, ließen ihre Jungen meist einfach dort liegen, wo sie sie
geboren hatten. Diese erfroren dann jämmerlich innerhalb weniger
Stunden oder wurden von anderen Ratten aufgefressen. Über dieses
Geschehen machte ich mir nie ernsthaft Gedanken. Ebenso wenig wie darüber,
was für ein Glück ich und meine Brüder gehabt hatten.
Für uns zählte nur, dass wir lebten. Ich war viereinhalb Wochen
alt, als ich in einer Nacht gleich zwei schreckliche Erlebnisse hatte.
Ich erwachte, weil ich schreckliche Schreie vernahm. Ich blinzelte und
sah, dass bereits Bewegung in den Käfig gekommen war. So musste
ich erst mal meine Nase aus dem Fellhaufen schieben, um besser sehen
zu können. Ganz hinten im Käfig erkannte ich eine kleine weiße
Ratte, die gerade mitten in der Geburt lag. Heftige Wehen erschütterten
ihren kleinen Körper und ließen sie regelrecht vibrieren.
Erst dann erkannte ich den Grund für ihre heftigen Schmerzen: aus
ihrem Hinterteil hing ein halbgeborenes Junges. Man konnte die Beine
und den Oberkörper bereits erkennen, aber der Kopf steckte noch
fest. Die Arme presste und krümmte sich. Sie versuchte mit ihren
Zähnen das Junge herauszuziehen, weil sie merkte, dass das nächste
Junge schon weit vorne im Geburtskanal lag und ebenfalls herausdrängte.
Sie schrie verzweifelt und auch in den anderen Käfigen wurden die
Ratten bereits unruhig. Ich weiß nicht mehr genau wie lange sie
sich quälte, bis ihre Bewegungen endlich schwächer wurden
und sie schließlich ganz aufgab. Ihre Beine zuckten unkontrolliert
und sie atmete nur noch flach. Ich fragte mich plötzlich, ob der
Eingang zum "großen, glücklichen Ende" immer so
schwer zu erreichen war. Durch "Mama" hatte ich nie Angst
davor gehabt, jetzt wurde mir plötzlich bewusst, das es nicht immer
leicht war, erstenmal dorthin zu gelangen. Was ich dann tat, würde
ich noch heute als den unglücklichsten Moment in meinem Leben bezeichnen.
Obwohl es unausweichlich war, was passierte, so hätte es wenigsten
in einer anderen Situation passieren sollen. Als die kleine Weiße
so ruhig und still dalag wollte ich sie einmal näher ansehen. Vielleicht
wollte ich sehen ob man das "große , glückliche Ende"
fühlen könnte, oder es war nur Neugier. Ich weiß es
nicht mehr. Auf jeden Fall wühlte ich mich aus dem Haufen der anderen
heraus, die sich mittlerweile wieder beruhigt hatten und ging zu der
Weißen hin. Als ich sie erreicht hatte, waren meine ersten Gedanken."
Mein Gott, sie ist noch so winzig." Tatsächlich war das Weibchen
sehr klein. Das halbe Junge ragte immer noch aus ihrem Hinterteil. Vorsichtig
schnupperte ich daran und schreckte unwillkürlich zusammen- es
war eiskalt. Nie hätte ich geglaubt, dass man kalt werden würde
im "großen, glücklichen Ende". Ich dachte immer,
es sei dort angenehm warm. Diese Kleine hier musste doch frieren. Sie
war so kalt. Hatte "Mama" gelogen? Eine tiefe Angst überkam
mich. Warum hatte sie das getan? Warum hatte sie nie die Wahrheit gesagt?
Womöglich gab es gar kein "großes, glückliches
Ende"? Ich wollte mich abwenden und nicht mehr darüber nachdenken.
Mich einfach wieder in den Haufen der anderen Ratten legen und wie sie
schlafen. Als ich mich umdrehte standen sie hinter mir. Drei Ratten.
Männchen. In meinem Schreck rannte ich bis an das Käfiggitter
und presste mich an die Wand. Mein Blick fiel auf die kleine Weiße
und ich dachte "Nein, ich will keine Babys haben, ich nicht!"
Es war zu spät, ich hatte das Alter erreicht, in dem man gedeckt
werden kann. In diesem Käfig konnte man es den Männchen wohl
kaum verdenken, dass sie zu dritt kamen. Es war schrecklich, und ich
möchte nicht einmal darüber reden. Am nächsten Tag spürte
ich, dass ich gedeckt worden war. Wir Ratten merken das sofort. In drei
Wochen würde es soweit sein. Instinktiv würde ich meine Jungen
auffressen, wie die anderen. Obwohl mir dieser Instinkt sagte, dass
es das einzig Richtige war, versetzte es mir doch einen Schnitt ins
Herz. Für eine Ratte mag dies ungewöhnlich klingen, aber auch
wir lieben unsere Kinder wie alle anderen Tierarten und Zweibeiner.
Das erste mal machte ich mir auch Gedanken, dass dieser Käfig vielleicht
nicht gut genug für sie wäre. Dabei dachte ich an "Mama´s"
Paradies, wo sie mit ihren Geschwistern aufgewachsen war. Ich dachte
nicht, dass das Schicksal daran etwas ändern könnte, dass
meine Jungen hier im Käfig auf die Welt kamen. Das war für
mich der Lauf der Dinge. Die nächsten vier Tage verbrachte ich
damit, über diese und andere Dinge nachzudenken. Am vierten Tag
dachte ich, mein Leben wäre beendet. Wir hörten, wie wieder
einmal Käfige unter den Regalen hervorgezogen wurden. Nacheinander
Käfig für Käfig. Diesmal schienen sie aber nicht die
dickste Ratte zu suchen. Wollten sie uns einfach so quälen? Auch
unser Käfig wurde herausgezogen. Ich erkannte zwei Zweibeiner.
Wie immer blendete mich das Licht, so war ich froh, als wir wieder zurückgeschoben
wurden. Alles dauerte so viel länger als sonst. Käfige raus,
Käfige rein. Dann war es wieder unser Käfig, der an die Reihe
kam. "Diese kleine Beigefarbene gefällt mir." Ich hörte
es und glaubte es doch nicht. Ich war grau-beige. "Nein"-
schoss es durch meinen Kopf. "Bitte nicht mich, ich bin doch schwanger."
Da wurde der Käfig auch schon geöffnet. Ich rannte um mein
Leben und das meiner ungeborenen Babys. Es gab kein entkommen. Keine
Fluchtmöglichkeit. Ich spürte, wie die Hand mich griff und
dachte: "Jetzt ist es vorbei". Ich sah von oben ein letztes
Mal meine Geschwister, meine Mutter (sie war bereits das dritte Mal
belegt), und ich sah im Geist "Mama". Ich sah die kleine Weiße,
die immer noch im Käfig lag. Dann wurde der Käfig zurückgeschoben
und sie alle verschwanden aus meinem Blickfeld. Ich hoffte, dass es
schnell gehen würde. Dass mir der Eintritt zum "großen,
glücklichen Ende" nicht so schwer fallen würde wie "Mama"
oder der kleinen Weißen. Ich werde diese lähmende Angst in
mir nie vergessen. Was würde nun wirklich geschehen mit mir? Vor
meinen Augen tat sich ein tiefer Schlund auf. Es war dunkel. Sah so
das Ende aus? Nein, ich wollte doch kämpfen! Auch für meine
ungeborenen Babys. Oder war es vielleicht wirklich besser, sie würden
diese schreckliche Welt nie zu Gesicht bekommen? Diese Welt, in der
ich leben musste. Ich war mir sicher, dass es kein Paradies gab. Ich
war mir sicher, dass "Mama" gelogen hatte. Ich hatte keine
Kraft zum Kämpfen. Bevor ich wegrennen konnte war ich schon wieder
gefangen. In der nächsten Plastikbox. Wie lange hatte ich noch
zu leben? Ich kauerte mich zusammen und versuchte die Augen zu schließen.
Ich konnte diese Welt nicht mehr ertragen. Warum wurde mir das angetan?
Ich hatte nie jemanden gebissen. Ich hatte noch nie etwas böses
getan. Schlafen, mehr wollte ich nicht mehr.... Als ich meine Augen
öffnete glaubte ich, im "großen, glücklichen Ende"
zu sein. Dort war das Paradies. Dieses Paradies, von dem "Mama"
gesprochen hatte. Meine ganze Angst fiel von mir ab. Ja, hier sollten
meine Babys auf die Welt kommen. Hier sollten sie aufwachsen. Alles
erschien mir so unwirklich- bis ich merkte, dass alles Wirklichkeit
war. Hier war auch mein neues Zuhause. Es ist zwar auch ein Käfig,
aber es gibt hier noch andere Ratten und viel gutes Futter. Wir können
klettern und die Sonne sehen. Ich habe bereits so viel Neues gesehen
und lerne immer noch dazu. Meine beiden Rattenfreundinnen erzählen
mir von ihrer Kindheit. Dabei erscheint es mir fast unglaublich, was
sie alles berichten können. Soviel Glück, soviel Freude- von
einer solchen Kindheit können alle bei uns in den Käfigen
nicht einmal träumen. Wenn ich dann an meine Mutter, meine Geschwister
und all die anderen Ratten im Laden denke, werde ich sehr traurig. Ich
würde alles dafür geben, wenn ich Ihnen nur ein kleines Stück
von meinem neu gewonnen Glück abgeben könnte. Ich weiß,
dass sie die Hoffnung nie aufgeben werden. Und vielleicht werden sie
ja eines Tages befreit.... Den Zweibeinern werde ich nie ganz vertrauen
können, denn ich weiß, dass mein Glück an seine Grenzen
stoßen kann. Wir können uns nicht wehren, wenn es eines Tages
heißt, wieder in den anderen Käfig zurückzukehren. Für
mich zählt nur der Tag, wo ich lebe, wo ich hier bin, wo es mir
gut geht. Wir Ratten gehören zu den anpassungsfähigsten Tieren,
ein Umstand, der es den Menschen immer wieder ermöglicht, uns unter
den widrigsten Bedingungen zu halten. Doch dabei sollten sie nie vergessen,
dass wir auch Lebewesen sind. Am 24.04.99 brachte ich sieben gesunde
Jungen zur Welt. Ich hoffe für sie, dass ihnen das erspart bleiben
kann, was mir in den ersten Lebenswochen wiederfahren ist. Ihr ganzes
Leben lang. Zu guter Letzt will ich noch sagen, dass ich auch einen
Namen bekommen habe: "Destiny". Und ich glaube, das heißt
"Schicksal": Destiny gibt es wirklich. Ihre Geschichte ist
frei erfunden. Die Schilderungen über ihre Haltung sind wahr. In
einem Berliner Zooladen werden etwa zweihundert Ratten als Futtertiere
auf engstem Raum gehalten. Auf der Fläche von ca. 1 DIN A4 Seite
werden bis zu 20 Tiere zusammengepfercht in einem Käfig gehalten,
der eine Höhe von ca. 15 cm hat. Das Leid dieser Tiere ist unbeschreiblich.
Normale Verhaltensweisen können nicht ausgelebt werden und verkümmern
auf ein Minimum oder ganz. Da sie auf dem Boden stehen müssen,
unter Regalen, entsteht in den Käfigen zuviel Wärme, durch
die Wiederum der Urin der Tiere aufsteigt und von ihnen eingeatmet wird.
Destiny hatte bereits mit fünf Wochen eine irreparable, chronische
Lungenschädigung. Außerdem haben alle Tiere Haarlinge, was
zu einem ständigen Juckreiz führt. Auch die Futtertierhaltung
darf nicht in Tierquälerei ausarten. Schon kleine Eingriffe können
das Leben dieser Ratten verbessern: - kein ständiges Decken (Trennung
von Männchen und Weibchen) - nur so viele "Futtertiere"
halten, wie auch in einem kleinen Zeitraum verfüttert werden können
- bessere Käfige (artgerecht eingerichtet, bessere Standorte) -
besseres Futter Die Bitten einer Ratte Lieber Mensch, bitte sieh mich
als Tier an, als Lebewesen, nicht als Verschönerung Deines Wohnraumes,
denn auch wenn ich in einem Käfig lebe, bin ich kein Ausstellungsstück.
Bitte achte darauf, mein Heim sauber zu halten und gib mir täglich
Futter und Wasser, denn Du hast mich gewollt und damit die Verantwortung
für mein Leben übernommen. Lieber Mensch, bitte gib mir auch
Artgenossen, denn auch Du unterhältst Dich am liebsten mit Deinesgleichen,
und wenn wir uns auch sehr nahe sind, so werde ich Deine Sprache doch
nie ganz verstehen können. Bitte erhebe nie Deine Hand gegen mich,
Du bist so viel stärker als ich, kannst mich so leicht verletzen
und grausame Spiele mit mir treiben. Bitte akzeptiere mich auch noch,
wenn ich älter werde, nicht mehr so flink bin und vielleicht auch
manchmal mürrisch, bedenke, auch Du wirst eines Tages älter.
Bitte sieh ein, wenn meine Zeit gekommen ist, setze mich nicht unnötigen
Qualen aus, sei bei mir in meiner schwersten Stunde und vergiss mich
nie, denn ich habe dich ein kurzes Stück Deines Lebens begleitet-
als Freund |